Tommy Cash · Finanzen einfach erklärt.
Stand: 8. Oktober 2026
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Es zeigt, mit welchem Vielfachen dieses Gewinns die Aktie bewertet wird. Ein niedriges KGV beweist noch keine Unterbewertung, ein hohes keine Überbewertung. Dafür musst du verstehen, wie der Gewinn entsteht und wie verlässlich er ist. [1][3]
Die Rechnung ist überschaubar. Die eigentliche Arbeit beginnt bei der Frage, welche Zahlen du dafür verwendest.
1. So berechnest du das KGV
KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie
Der Aktienkurs ist der Preis einer einzelnen Aktie, beispielsweise 60 Euro. Der Gewinn je Aktie beschreibt den rechnerischen Anteil am Unternehmensgewinn, der auf eine Aktie entfällt. In englischen Übersichten steht dafür EPS, kurz für Earnings per Share. [1]
Gemeint ist ein Gewinn nach Unternehmenssteuern, der den betreffenden Aktionären zugeordnet wird. Umsatz, also die Einnahmen aus dem Verkauf von Waren oder Leistungen, ist etwas anderes. Für das KGV teilst du den Kurs deshalb nicht durch den Umsatz. [1][2]
Eigenes, vereinfachtes Beispiel: Ein erfundenes Unternehmen erzielt im betrachteten Geschäftsjahr 30 Millionen Euro Gewinn, der vollständig seinen Stammaktionären zusteht. Stammaktien sind die gewöhnlichen Unternehmensanteile. Bei durchgehend zehn Millionen solcher Aktien ergeben sich drei Euro Gewinn je Aktie:
30 Millionen Euro ÷ 10 Millionen Aktien = 3 Euro je Aktie.
Bei einem Kurs von 60 Euro je Aktie lautet die Rechnung:
60 Euro je Aktie ÷ 3 Euro Gewinn je Aktie = KGV 20.
Der Kurs entspricht damit dem 20-Fachen des betrachteten Jahresgewinns je Aktie. Das KGV wird als Verhältniszahl angegeben, etwa „20“ oder „20-fach“, nicht als Eurobetrag und nicht als Prozentwert. Kurs und Gewinn je Aktie müssen in derselben Währung und auf derselben Aktienbasis vorliegen.
Wichtig: Das bedeutet nicht, dass du deinen Kaufpreis nach 20 Jahren zurückbekommst. Der Gewinn gehört zunächst dem Unternehmen. Er wird nicht automatisch vollständig ausgeschüttet, kann schwanken oder ausbleiben. Dein Anlageergebnis hängt außerdem vom späteren Kurs und möglichen Zahlungen an dich ab.
Das Beispiel hält die Aktienzahl konstant. In realen Abschlüssen wird für den unverwässerten Gewinn je Aktie die über den Zeitraum gewichtete durchschnittliche Aktienzahl verwendet. Verwässert bedeutet: Auch mögliche zusätzliche Aktien, etwa aus wandelbaren Finanzierungsinstrumenten, werden nach den jeweiligen Rechnungsregeln berücksichtigt, soweit sie den Gewinn je Aktie mindern. Ein Finanzierungsinstrument kann beispielsweise das Recht enthalten, es später in Aktien umzutauschen. Die Erläuterungen zum Ergebnis je Aktie stehen im Geschäftsbericht. [2]
2. Historisch, laufend oder erwartet: Welcher Gewinn steckt dahinter?
Ein KGV ohne Zeitraum ist unvollständig. Drei Angaben solltest du auseinanderhalten:
Historisches KGV: Häufig wird der heutige Kurs durch den Gewinn des letzten abgeschlossenen Geschäftsjahres geteilt. Bei einer historischen Bewertungsreihe kann auch der damalige Kurs verwendet werden. Prüfe deshalb beide Zeitbezüge.
Laufendes KGV: Diese Bezeichnung ist nicht einheitlich. Manche Übersichten meinen das KGV auf Basis der letzten zwölf berichteten Monate. Dafür steht TTM, kurz für Trailing Twelve Months. Andere beziehen sich auf das laufende Geschäftsjahr, dessen Jahresgewinn noch geschätzt ist. „Laufend“ bedeutet also nicht automatisch „bereits verdient“. [3][4]
Erwartetes KGV: Beim Forward-KGV wird der Kurs durch einen geschätzten Gewinn je Aktie geteilt. Die Schätzung kann sich auf die nächsten zwölf Monate oder ein bestimmtes künftiges Geschäftsjahr beziehen. Sie ist kein feststehendes Ergebnis und kann sich ändern. [3]
Derselbe Kurs, zwei unterschiedliche KGVs
Wir bleiben bei der erfundenen Aktie für 60 Euro. Für das letzte Geschäftsjahr sind drei Euro Gewinn je Aktie berichtet. Für das nächste Geschäftsjahr werden vier Euro angenommen.
| Gewinnbasis | Gewinn je Aktie | Rechnung | KGV |
|---|---|---|---|
| Letztes abgeschlossenes Geschäftsjahr | 3,00 Euro | 60 ÷ 3 | 20 |
| Nächstes Geschäftsjahr, nur geschätzt | 4,00 Euro | 60 ÷ 4 | 15 |
Eigenes Rechenmodell, keine Marktdaten und keine Prognose: Der Kurs bleibt in beiden Zeilen gleich. Aktienzahl und Gewinnabgrenzung werden als vergleichbar angenommen. Handelskosten, persönliche Steuern und Ausschüttungen werden nicht modelliert; das Beispiel berechnet keine Anlagerendite.
Das niedrigere erwartete KGV entsteht hier allein durch den höheren angenommenen Gewinn. Die Aktie ist dadurch nicht nachweislich günstiger geworden.
Werden später statt vier nur zwei Euro Gewinn je Aktie erwartet, ergibt sich beim unveränderten Kurs ein KGV von 30. Die ursprüngliche Zahl 15 war also von einer Annahme abhängig.
Für die Praxis: Notiere zum KGV immer Kursdatum, Gewinnzeitraum, Gewinnbegriff und bei Schätzungen deren Quelle und Stand.
3. Warum niedrig nicht automatisch günstig bedeutet
Ein niedriges KGV kann eine günstige Bewertung anzeigen. Es kann aber auch ausdrücken, dass Anleger schwächere Gewinne oder größere Risiken erwarten. Eine hohe Zahl kann starke Wachstumserwartungen widerspiegeln, ohne dass diese später erfüllt werden. Eine allgemein gültige Kaufgrenze gibt es nicht. [3]
Um die Zahl einzuordnen, helfen dir folgende Fragen:
Wachstum und Geschäftsmodell: Wie entsteht der nächste Gewinn?
Gewinnwachstum bedeutet, dass der Unternehmensgewinn oder der Gewinn je Aktie über die Zeit steigt. Die beiden Größen müssen sich nicht gleich entwickeln, etwa wenn sich die Aktienzahl verändert. Höhere erwartete Gewinne können ein höheres KGV erklären; die Erwartungen müssen aber plausibel sein. [2][5]
Das Geschäftsmodell beschreibt, womit ein Unternehmen Geld verdient. Wiederkehrende Einnahmen aus Verträgen sind anders zu beurteilen als Einnahmen, die von wenigen Großaufträgen abhängen. Frage deshalb, wie stabil die Nachfrage ist, welche Konkurrenz besteht und welche Investitionen nötig sind. Das sind Prüffragen, kein automatisches Qualitätsurteil.
Zyklik: Ist der gute Gewinn ein Ausnahmejahr?
Zyklisch heißt, dass das Geschäft stark mit wirtschaftlichen Auf- und Abschwüngen schwankt. Bei Rohstoffproduzenten können zudem Rohstoffpreise entscheidend sein. Besonders hohe Gewinne in einer guten Phase können das KGV niedrig erscheinen lassen. Sie lassen sich nicht einfach in die Zukunft fortschreiben. [6]
Eigenes Szenario: Eine Aktie kostet 60 Euro und erzielt in einem besonders guten Jahr sechs Euro Gewinn je Aktie. Ihr KGV beträgt 10. Fällt der Gewinn in einem schwächeren Jahr auf zwei Euro, beträgt es beim gleichen Kurs 30.
Das ist keine Vorhersage eines Konjunkturzyklus. Es zeigt, warum ein einzelnes gutes Jahr für die Bewertung zu wenig sein kann.
Verschuldung: Welche Verpflichtungen stehen dem Gewinn gegenüber?
Verschuldung bezeichnet die Schulden des Unternehmens. Zinszahlungen belasten den Gewinn; fällige Kredite müssen zurückgezahlt oder neu finanziert werden. Das KGV allein zeigt dir diese Belastung und die vorhandenen Geldreserven nicht ausreichend. Prüfe deshalb auch die Bilanz, also die Übersicht über Vermögen und Verpflichtungen. [1][5]
Zwei Unternehmen mit ähnlichem KGV können finanziell sehr unterschiedlich aufgestellt sein.
4. Gewinnqualität: Welche Zahl ist belastbar?
Gewinnqualität beschreibt hier, wie nachvollziehbar und dauerhaft der ausgewiesene Gewinn ist und wie er mit tatsächlichen Zahlungsströmen zusammenhängt. Ein bilanzieller Gewinn ist nicht dasselbe wie ein Geldzufluss. Der operative Cashflow zeigt die Zahlungsströme aus der laufenden Geschäftstätigkeit. Ein Kunde kann beispielsweise schon als Umsatz erfasst sein, obwohl er noch nicht bezahlt hat. [1]
Ein Vergleich über mehrere Jahre hilft dir, auffällige Abweichungen zu erkennen. Eine Abweichung allein beweist noch keinen Bilanzfehler.
Einmalige Effekte können das KGV verzerren
Ein Verkauf von Unternehmensteilen kann einen einmaligen Gewinn auslösen. Umgekehrt kann eine Abschreibung, also eine Verringerung des bilanzierten Werts eines Vermögensgegenstands, den Gewinn belasten. Solche Effekte können das KGV stark verändern, ohne dass sich das laufende Geschäft entsprechend verbessert oder verschlechtert. [1][4]
Eigenes Beispiel: Bei 60 Euro Kurs werden fünf Euro Gewinn je Aktie ausgewiesen. Darin stecken annahmegemäß zwei Euro aus einem einmaligen Verkauf. Mit dem berichteten Gewinn ergibt sich ein KGV von 12. Nach Abzug dieses angenommenen Effekts bleiben drei Euro; daraus ergibt sich rechnerisch 20.
Die zweite Zahl ist eine eigene vereinfachte Bereinigung, keine geprüfte Unternehmenskennzahl. Ob der Abzug fachlich passend ist, müsste anhand des konkreten Berichts geprüft werden.
Ein bereinigter Gewinn ist ein Ergebnis, aus dem bestimmte Effekte herausgerechnet wurden. Schau nach, welche Positionen entfernt wurden und wie die Überleitung zum berichteten Gewinn aussieht. Wenn regelmäßig anfallende Kosten immer wieder ausgeklammert werden, kann das Bild zu freundlich ausfallen. Die US-Börsenaufsicht SEC nennt das Herausrechnen normaler wiederkehrender Betriebsausgaben als mögliches irreführendes Vorgehen bei zusätzlichen Ergebniskennzahlen. Das ist ein Hinweis aus dem US-Berichtskontext, keine Aussage über deutsches Recht. [7]
5. Bei Verlusten oder winzigem Gewinn stößt das KGV an Grenzen
Bei einem Gewinn von null ist die Division nicht definiert. Bei einem Verlust entsteht rechnerisch ein negatives KGV. Dieses lässt sich nicht wie ein positives Gewinnvielfaches als „günstiger“ einordnen. Datenportale zeigen deshalb häufig keine sinnvolle Zahl, etwa „N/A“ für nicht anwendbar. [3]
Eigenes Beispiel: 60 Euro Kurs geteilt durch minus zwei Euro Ergebnis je Aktie ergibt minus 30. Das ist kein Kaufsignal. Das Unternehmen hat im betrachteten Zeitraum Verlust gemacht.
Ein sehr kleiner positiver Gewinn kann dagegen ein extrem hohes KGV erzeugen. Bei 60 Euro Kurs und 0,10 Euro Gewinn je Aktie beträgt es 600. Steigt der Gewinn auf 0,20 Euro, halbiert sich die Zahl auf 300, obwohl der Unterschied nur zehn Cent beträgt. [4]
Du musst eine solche Aktie nicht mit Gewalt über das KGV beurteilen. Zuerst wäre zu klären, warum der Gewinn so gering ist, ob die Finanzierung reicht und wie ein tragfähiges Geschäft entstehen soll. Eine tiefere Unternehmensbewertung ist eine eigene Aufgabe.
6. So vergleichst du KGVs sinnvoll
Schritt 1: Prüfe die Ausgangszahl. Woher kommen Kurs und Gewinn je Aktie? Lies die Erläuterung des Datenportals und gleiche berichtete Ergebnisse mit dem Geschäftsbericht ab.
Schritt 2: Gleiche die Berechnung an. Vergleiche denselben Gewinnzeitraum und hinreichend vergleichbare Gewinnbegriffe: berichtet mit berichtet, bereinigt mit nachvollziehbar vergleichbar bereinigt. Auch unverwässerte und verwässerte Ergebnisse solltest du nicht unbemerkt mischen. Unterschiedliche Rechnungsregeln können die Vergleichbarkeit zusätzlich begrenzen. [2][4]
Schritt 3: Wähle passende Unternehmen. Ähnliche Geschäftsmodelle, Wachstumsaussichten und Risiken sind hilfreicher als die bloße Zugehörigkeit zum Aktienmarkt. Ein Industriebetrieb und ein Softwareanbieter werden durch ein KGV nicht automatisch vergleichbar. [5]
Schritt 4: Suche die Erklärung für Unterschiede. Prüfe Zyklik, Schulden, einmalige Effekte und Gewinnqualität. Auch der Vergleich mit früheren KGVs desselben Unternehmens braucht Kontext: Das Geschäft kann sich inzwischen verändert haben. [6]
Schritt 5: Trenne Einordnung und Kaufentscheidung. Das KGV ist ein Ausgangspunkt. Es ersetzt weder eine vollständige Analyse noch die Frage, wie viel Einzelaktienrisiko zu deinem Anlageziel passt.
Der typische Fehler: die niedrigste Zahl gewinnt
Du siehst bei zwei Aktien KGV 10 und KGV 25 und hältst die erste sofort für das bessere Angebot.
Damit überspringst du die entscheidende Frage: Welcher Gewinn steckt jeweils dahinter? Vielleicht verdient das erste Unternehmen gerade außergewöhnlich viel. Vielleicht setzt das zweite hohe Erwartungen voraus. Beides musst du prüfen, bevor der Vergleich dir etwas sagt.
Tommy-Cash-Merksatz: Prüfe zuerst den Gewinn hinter der Zahl. Erst dann sagt dir das KGV etwas über die Bewertung.
Deine Checkliste für die Einordnung
- Ich kenne Kursdatum, Gewinnzeitraum und Datenquelle.
- Ich unterscheide berichtete Gewinne von Schätzungen.
- Ich weiß, ob das Ergebnis berichtet, bereinigt, unverwässert oder verwässert ist.
- Ich habe Wachstum, Geschäftsmodell und Zyklik geprüft.
- Ich berücksichtige Schulden, einmalige Effekte und Gewinnqualität.
- Ich vergleiche nur hinreichend ähnliche Unternehmen und Berechnungen.
- Ich leite aus einem KGV allein keine Kaufentscheidung ab.
Du musst nicht jede Bewertungsmethode auf einmal beherrschen. Wenn du die Gewinnbasis sauber prüfst, kannst du die Aussage dieser Kennzahl bereits deutlich besser einschätzen.
Dieser Beitrag vermittelt allgemeines Finanzwissen und ersetzt keine individuelle Anlageberatung.
Quellen – getrennt vom Artikeltext
Tatsächlicher Abruf und fachlicher Abgleich: 8. Oktober 2026. Die Beispiele sind eigene fiktive Rechenmodelle. Es werden keine aktuellen Aktienbewertungen oder Marktkennzahlen verwendet. Anbieterquellen dienen der Begriffserklärung; Produktwerbung und pauschale Bewertungsschwellen werden nicht übernommen.
- SEC: Beginners’ Guide to Financial Statements – KGV-Formel, Gewinn, Bilanz und Zahlungsströme.
- IFRS Foundation: IAS 33 Earnings per Share – Ergebniszuordnung, gewichtete Aktienzahl und Verwässerung.
- Charles Schwab: What Is the P/E Ratio? Why Investors Use It – vergangene und erwartete Gewinne, Einordnungsgrenzen und negative Ergebnisse.
- Fidelity: Research Glossary, A through E – EPS, TTM, berichtete und angepasste Ergebnisse; kleine Gewinne.
- Charles Schwab: Five Key Financial Ratios for Stock Analysis – Wachstum, Vergleichsperspektive und Verschuldung. Keine Übernahme der dort genannten pauschalen Kennzahlenschwellen.
- Aswath Damodaran, NYU Stern: Ups and Downs: Valuing Cyclical and Commodity Companies – Methodenpapier vom September 2009, insbesondere S. 1–7 und Abschnitt zu Gewinnmultiplikatoren; Zyklik und Grenzen eines einzelnen Basisjahrs. Keine aktuellen Marktdaten daraus übernommen.
- SEC: Non-GAAP Financial Measures, insbesondere Frage 100.01 – Grenzen von Ergebnisbereinigungen im US-Berichtskontext.
